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Epidemiologische Untersuchungen zum Einfluss von Lärmstress auf das Immunsystem und die Entstehung von Arteriosklerose

(Laufzeit: 01.05.1998 – 31.07.2001)

Das Umweltbundesamt (UBA) hat in der Vergangenheit eine Reihe von Untersuchungen zum Herz-Kreislauf-Risiko durch langfristige Belastung mit Verkehrslärm durchgeführt. Trotz teilweise nicht eindeutiger Ergebnisbefunde ergaben sich Hinweise auf ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko bei Personen, die an stark mit Verkehrslärm belasteten Straßen wohnten (Tages-Immissionspegel > 65 dB(A) (Babisch 2000, Babisch 2001).

Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen im Mittelpunkt der extra-auralen (nicht das Gehör betreffenden) Lärmwirkungsforschung, die sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Lärms befasst. Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind nach dem allgemeinen Stress-Modell Lärmwirkungen auch bei anderen gesundheitlichen Endpunkten denkbar.

Aus diesem Grund wurde im Rahmen des Aktionsprogramms Umwelt und Gesundheit (APUG) vom Robert Koch-Institut (RKI) im Auftrag des Umweltbundesamtes (UBA) eine Studie durchgeführt, in der der Zusammenhang zwischen dem Straßenverkehrslärm und der Prävalenz (dem Auftreten) einer Reihe von Krankheiten bei Anwohnern unterschiedlich verkehrsbelasteter Straßen untersucht wurde (Maschke et al. 2002). Aus Kosten- und Effizienzgründen wurde auf eine Untersuchungskohorte zurückgegriffen, die vom RKI in regelmäßigen Abständen klinisch und anamnestisch (ärztliches Interview) untersucht wurde („Spandauer Gesundheits-Survey“).

An der Studie nahmen 1718 Personen aus Berlin teil. Sie füllten einen Lärm-Fragebogen zur Störung durch Lärm in ihrem Wohnumfeld aus und machten Angeben zur Ausrichtung ihrer Wohn- und Schlafräume. Mit Hilfe der Lärmkarte der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wurde der mittlere Straßenverkehrslärmpegel tags und nachts außen vor den Wohnungen der Studienteilnehmer bestimmt (Immissionspegel 6-22 Uhr und 22-6 Uhr). In ärztlichen Interviews wurden die Studienteilnehmer nach ärztlichen Behandlungen seit der letzten RKI-Untersuchung sowie im Laufe ihres gesamten Lebens befragt (Prävalenz). Zu den betrachteten Krankheiten oder Symptomen gehörten u.a. Bluthochdruck (Hypertonie), Herzinfarkt, Migräne, erhöhter Blutzucker, erhöhte Blutfettwerte, chronische Bronchitis, Asthma, Krebserkrankungen und psychische Störungen.

Ergebnis

Statistisch gesicherte Zusammenhänge zwischen dem Lärm und der Prävalenz von Krankheiten wurden hauptsächlich bezüglich Bluthochdruck gefunden. Andere Faktoren, die den Bluthochdruck beeinflussen, wie z.B. Lebensalter und Körpergewicht, wurden dabei berücksichtigt. Die objektive Exposition (Schallpegel) zeigte stärkere statistische Zusammenhänge mit dem Bluthochdruck als die subjektive Exposition (Belästigung). Den Ergebnissen zufolge hatten Personen, die nachts vor ihrem Schlafraumfenster einen mittleren Schallpegel von 55 dB (A) oder mehr hatten, ein fast doppelt so hohes Risiko (relatives Risiko = 1,9) wegen Bluthochdruck in Behandlung zu sein, wie diejenigen, bei denen der Mittelungspegel unter 50 dB (A) lag.

Das relative Risiko war größer, wenn nur Personen betrachtet wurden, die mit offenem Fenster schliefen, was eine kausale Interpretation des Zusammenhangs unterstützt. Darüber hinaus zeigten sich eindeutige Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Es deuteten sich auch Zusammenhänge mit anderen Krankheiten an, die statistisch jedoch nicht abgesichert werden konnten.

Andeutungsweise waren stärker lärmbelastete Personen häufiger wegen erhöhter Blutfette, Migräne, Krebserkrankungen und psychischer Störungen in ärztlicher Behandlung als weniger lärmbelastete. Der Zusammenhang zwischen der subjektiven Störung durch Lärm und der Behandlungs-Prävalenz von psychischen Störungen war signifikant.

Wegen des Querschnitts-Charakters der Studie ist dabei allerdings die Ursache-Wirkungs-Beziehung nicht eindeutig. Bei der Untersuchungs-Stichprobe handelte es sich im ein (selbst-)selektiertes Probandenkollektiv, in dem sich aufgrund des Ziehungsschlüssels überwiegend ältere, gesundheitsbewusste Personen befanden. Es ist nicht auszuschließen, das überproportional viele Personen mit Gesundheitsproblemen an dem Gesundheits-Survey teilnahmen, der den Probanden eine regelmäßige, umfangreiche und kostenlose Kontrolle ihres Gesundheitszustandes bot. Insofern wäre es möglich, dass gewissermaßen eine Risikogruppe untersucht wurde, in der Lärmeffekte sich stärker manifestieren könnten als in der Allgemeinbevölkerung.

Schlussfolgerung

Aufgrund der Vielzahl der getesteten Wirkungs-Zusammenhänge und des Querschnitts-Charakters der Studie sind kausale Interpretationen der einzelnen Befunde nur bedingt möglich.

Die Ergebnis zum Bluthochdruck stehen im Einklang mit den Ergebnissen früherer Untersuchungen, in denen sich ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei stärker lärmbelasteten Personen zeigte. Sie stellen einen weiteren Baustein in der Beurteilung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Umweltlärm dar, das nach wie vor kontrovers diskutiert wird. Der Befund, wonach insbesondere die nächtliche Lärmbelastung in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, unterstreicht im Hinblick auf lärmmindernde Maßnahmen die besondere Bedeutung einer ungestörten Nachtruhe.

In der Studie wurden auch neue Hypothesen der Lärmwirkungsforschung aufgegriffen. Dies betrifft den Sektor der immunologisch/hormonell vermittelten gesundheitlichen Wirkungsendpunkte. Die diesbezüglichen Ergebnisse werfen weiteren Forschungsbedarf auf. Der konkurrierende Einfluss von Luftschadstoffen konnte in den Auswertungen nicht berücksichtigt werden. Die anteilige Bedeutung der beiden verkehrsbezogenen Expositionsfaktoren, Luft und Lärm, für die Entwicklung chronischer Krankheiten ist in zukünftigen epidemiologischen Studien zu klären.

 

Weitere Informationen

Maschke C., Wolf U., Leitmann,T. 2003: Epidemiologische Untersuchungen zum Einfluss von Lärmstress auf das Immunsystem und die Entstehung von Arteriosklerose. WaBoLu-Hefte 01/2003. Berlin: Umweltbundesamt

Babisch, W. 2001: Risikobewertung in der Lärmwirkungsforschung. Zum Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch chronischen Lärmstress. Umweltmed Forsch. Prax., 6 (5): 243-250.

Babisch W. 2000: Gesundheitliche Wirkungen von Umweltlärm. Ein Beitrag zur Standortbestimmung. Zeitschrift für Lärmbekämpfung, 47 (3), 95-102.

 

Kontakt
Dr. Wolfgang Babisch
Umweltbundesamt
FG II 1.1 Umwelthygiene und Umweltmedizin, gesundheitliche Bewertung
wolfgang.babisch@uba.de

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